AMBERG & MARTI ZEIGEN ANA ROLDAN
Die Arbeiten von Ana Roldán (*1977, Mexiko. Lebt und arbeitet in Zürich.) changieren zwischen Performance, ortsspezifischen Installationen, grafischen Logos, Objekten und Videos. Dabei bildet die Überprüfung des kollektiven Gedächtnisses in Form von Zeichen, Symbolen, einzelnen Worten und ganzen Sätzen einen thematischen Schwerpunkt. Häufig kombiniert die Künstlerin in ihren vorwiegend installativen Werken Bilder bzw. Objekte mit Schrift oder mit Tonaufnahmen. Sie integriert auch eigene Texte, geschrieben in einer für sie fremden Sprache. Ein wesentlicher Bestandteil ihrer formal reduzierten Arbeiten ist der Betrachter selbst, die menschliche Wahrnehmung und das Bedürfnis nach Bedeutungszuweisung/Interpretation. Bereits in ihrer Diplomarbeit „Objekt Nr. 1“ (2003, Wachsobjekt, Tonaufnahme) zeigt sich eine vorhandene Affinität für natürliche Materialien wie Wachs und Ziegenleder oder poliertes Messing und das Herstellen von Beziehungen zwischen dem Objekt, dem Raum und der Sprache.
Gott ist rot (2004)
Von der Decke hängt – nicht parallel zur Wand – ein grossformatiges Baumwolltuch mit einer roten Pixel-Zeichnung und dem Schriftzug „Gott ist rot“. Die Zeichnung entstand ursprünglich mit Hilfe eines Grafikprogramms am Computer und diente der Künstlerin dann als konkrete Vorlage. Durch die Vergrösserung der Computergrafik wird die Pixelstruktur in Form von kleinen Bausteinen sichtbar. Es fallen kleine Unregelmäßigkeiten auf wie fehlende Pixel sowie die Textur der aufgetragenen Farbe, die auf eine persönliche Handschrift verweisen. Dadurch löst sich die computergenerierte Perfektion auf. Die mittig und symmetrisch angelegten Formen erinnern auf den ersten Blick an Bildtafeln aus dem Rohrschachtest. Die gemalten Umrisse in Rot sind abstrakt und werden erst durch die Imagination des Betrachters mit Inhalten gefüllt. Daher ist es einerseits möglich einzelne Bestandteile der Komposition zu deuten oder andererseits die Gesamtheit der Umrisse zu interpretieren.
Der Satz „Gott ist rot“ kann eine Aussage, eine Frage oder ein Ausruf sein. Aufgrund der phonetischen Nähe drängt sich Friedrich Nietzsches Aussage„Gott ist tot.“ (Aphorismen 108 125, 343. In: Die fröhliche Wissenschaft, 1882) auf. Gott ist, nach Nietzsche, nur als Ideal der Selbstverwirklichung des Menschen in der unendlichen Ferne der Zukunft angesehen. Für Nietzsche war es selbstverständlich, dass jeder Gott – insbesondere der monotheistische Schöpfergott – immer nur eine Erfindung des Menschen war und ist. So wie Gott als Projektionsfläche menschlicher Ideen und Deutungen fungiert, verwandelt sich die rote Farbe auf dem weissen Untergrund in Gott ist rot zu Dingen und Figuren unserer Vorstellungskraft.
Idiot (2006)
Wieder ist die Zeichnung mittig und symmetrisch angelegt und besteht auf den ersten Blick aus zwei Elementen am oberen und unteren Rand des Baumwolltuches. Die Figurenkonstellation verweist auf Machtverhältnisse. Zwischen den beiden Elementen hat Ana Roldán bewusst eine Leerstelle gelassen, die Raum für die von dem Betrachter wahrgenommene Differenz lässt. Es ist denkbar, dass die Künstlerin diese Zeichnung als Ausgangpunkt für eine Reflektion benutzt über die Ordnungen festgefügter Weltbilder. In der christlich geprägten Weltordnung erhalten beispielsweise ethische, polarisierende Werte (z.B. Gut und Böse) und kontrastierende Orte (z.B. Himmel und Hölle, Himmel und Erde) eine räumliche Zuweisung. Diese im kollektiven Gedächtnis gespeicherten Informationen sind Bestandteil unserer Wahrnehmung und Bedeutungszuweisung und gehören ausserdem zum kompositorischen Kanon der christlichen Ikonographie. Es bleibt dem Betrachter das Spiel mit Assoziation und der sprachlichen Bedeutungsvielfalt. Ist der Betrachter daher ein kleiner Idiot im Gegensatz zum Künstler-Gott?
truth (2006)
Auf dem Parkettboden liegt ein hölzernes, schwarz-glänzendes Objekt, dass in seiner Form asiatischen oder arabischen Zeichen ähnlich sieht. Schliesslich werden einzelne lateinische Buchstaben erkennbar (z.B. i, c, h, b) und langsam löst sich das Wort truth heraus. Ana Roldán hat das kleingeschriebene Wort zuerst in einem Grafikprogramm horizontal gespiegelt und dann in ein dreidimensionales Holzobjekt übersetzt. Der Betrachter spiegelt sich in der glänzenden Oberfläche und erblickt sein Abbild. Hier greift die Künstlerin das Motiv der Spiegelung auf und verknüpft dieses mit dem Begriff Wahrheit. Dieses Wort löst im Betrachter eine Assoziationskette aus: von der subjektiv empfundenen Wahrheit, über empirisch überprüfbare Wahrheiten in den Naturwissenschaften, bis zur Wahrheit als philosophisches Thema. An sich ist Wahrheit, aber kein Selbstzweck, sondern dient dem Menschen als Orientierung und Bezugspunkt in der Welt.
Wie so oft in ihren Werken spielt Ana Roldán mit der inhärenten Uneindeutigkeit von Sprache und deren konventionellen Bedeutungszuweisungen. In diesem Zusammenhang kann das Objekt mit den beiden anderen Arbeiten in Bezug gesetzt und nach dem Wahrheitsbegriff in der Alltagssprache gefragt werden. Explizit wird ein Zeichensystem (z.B. Schrift als Zeichensystem) sichtbar, welches wir nicht gleich zu entziffern vermögen. Mit der Darstellung eines einzelnen Wortes wird deutlich das Sprache ein semantisches Konstrukt ist, das einen Begriff, eine Vorstellung oder einen Gegenstand bezeichnet. Letztendlich bleibt offen, welche Wahrheit wir für uns herausfinden oder lesen können.
Cynthia Krell