MY FIRST PAINTING –
Gespräch zwischen Anne-Lise Coste und Annette Amberg
Im Atelier
Zürich, 14. November 2006
Anne-Lise, du zeigst bei Amberg&Marti neben Zeichnungen zum ersten Mal auch Malerei. Wie kommt es, dass du dich erst jetzt mit dem eigentlich klassischsten Bildträger, der Leinwand, beschäftigst?
Es ist wirklich eigenartig, dass ich erst jetzt mit der Leinwand arbeite. Dass man in den 90ern nicht mehr malen sollte oder ähnliche Dinge, die gesagt worden sind, waren für mich nicht ausschlaggebend. Ich hatte grossen Respekt vor der Materialität, vor dieser Leinwand, welche breit und irgendwie edel ist und die man sorgfältig behandeln muss. In einem Gespräch mit Christine Streuli hatte ich beiläufig erwähnt, dass ich doch gerne mal malen würde, und eines Tages steht sie mit einer selbst bespannten Leinwand in meinem Atelier, einfach so.
Und da konntest du der weissen Leinwand nicht mehr widerstehen?...
Genau! Ich mag Geschenke...Was mir daran gefällt, ist die Sinnlichkeit des Trägers. Wenn man sich der Leinwand nähert, riecht und fühlt man die Farben stärker. Natürlich sieht man hier die Spuren des Farbstiftes ebenfalls (sie nimmt eine Zeichnung auf A4 hervor und zeigt sie mir), aber eine Leinwand zu betrachten ist für die Augen ein stärkerer Genuss. Ich denke, Oberfläche und Dimension der Leinwand sind es, die mich zurzeit herausfordern.
Es ist wirklich der Grosszügigkeit von Christine zu verdanken, dass ich überhaupt angefangen habe zu malen. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Leinwand bespannt und will es auch nicht tun müssen (Anne-Lise lacht). Mir fehlt einfach das nötige Fachwissen. Du siehst ja selber, hier steht noch die letzte Leinwand, und wenn diese beendet ist, weiss ich nicht, ob ich weitermalen werde. Vielleicht sollte ich dann wieder Christine anrufen...
Es scheint mir typisch für deine Arbeitsweise, dass du dich über einen relativ kurzen Zeitraum sehr intensiv mit einem Medium auseinandersetzt, etwa der Zeichnung auf A4, Airbrush direkt auf die Wand oder jetzt, mit Malerei auf Leinwand. Welche Unterschiede gibt es für dich zwischen dem Zeichnen auf Papier im Gegensatz zum Malen an der Staffelei?
Ich hatte immer riesige Angst vor dem Malen, dass man 50 Pinsel braucht, die Farbe immer griffsbereit sein muss und alles Mögliche. Mit Öl zu malen ist sicherlich schwer, weil man gewisse Regeln beim Anreichern der Farbe genau beachten muss, aber mit Acryl und Gouache habe ich keine Probleme, ich arbeite mit einem einzigen Pinsel...(Anne-Lise steht auf, sucht ihren Pinsel und bringt mir einen dünnen, kleinen Pinsel.)
Der ist ziemlich klein...
Ja. Ich will mich nicht von der Technik auffressen lassen. Das Medium soll sich mir anpassen.
Der Rhythmus beim Arbeiten ist ja ein völlig anderer, ob man zeichnet oder malt.
Ja, die Zeitlichkeit ist ganz wesentlich. Beim A4 lege ich das Blatt hin (Anne-Lise nimmt eine Unterlage aus Holz und legt sie sich auf die Knie) und fange an zu zeichnen. Das geht sehr schnell. Die Zeichnung ist ein medium d’urgence für mich. Ein Bild ist in fünf Minuten gemacht, nein nicht einmal, eher in zwei. Malerei hingegen hat eine ganz andere Zeitlichkeit, da tauche ich ein, vertiefe mich richtig ins Malen. Bisher hatte ich immer den Eindruck, auf der Leinwand könne man sich keine Fehler erlauben. Ich will in meiner Arbeit aber Fehler machen können, sich zu verschreiben oder einen Strich zu viel zu machen, gehören für mich einfach dazu. Beim Malen dachte ich immer, es würde sofort stören, wenn mal was schief geht. Aber das stimmt nicht. Ich arbeite jetzt ohne Angst vor Fehlern auf der Leinwand. Hier, zum Beispiel, gibt es Farbflecken (sie zeigt auf eine der Leinwände) und da auch. Weißt du, beim ersten Mal, als die Farbe runtertropfte, habe ich mich sehr erschrocken, aber jetzt ist es mir egal, ich lasse Fehler zu. Es ist wie beim Zeichnen auch, es ist cool, es gefällt mir.
Zurzeit male ich drei Stunden am Stück. Danach kann ich nicht mehr. Es gibt wirklich diesen Moment der Erschöpfung, vielleicht ist es auch das Resultat, ich weiss es nicht, aber ich bin wirklich erschöpft und mag nicht mehr. Beim Zeichnen ermüden die Neuronen und die Synapsen – zu einem gewissen Zeitpunkt spüre ich, dass nichts Geniales mehr entsteht - aber bei der Malerei ist es wirklich eine körperliche Erschöpfung, da muss sich mein Körper erst ausruhen.
Würdest du den Begriff Energie im Zusammenhang mit deiner Arbeit brauchen?
Auf alle Fälle, ja. Jedes Medium benötigt eine andere Form von Energie. Die Wahl des Mediums ist dabei von meiner Verfassung abhängig. Wahrscheinlich hängt es von der Geschwindigkeit ab, mit der ich arbeiten möchte. Ich weiss nicht genau, vielleicht.
Du arbeitest häufig mit dem Selbstporträt. Auch deine erste Malerei trägt den Titel „Annelise Coste 33 ans 2006“.
Jedes Mal, wenn ich anfange ein Gesicht zu zeichnen, habe ich keine Ahnung, dass ich das bin. Erst am Ende begreife ich, dass ich mich gezeichnet habe (sie lacht). Du siehst also, ich erkenne mich erst im Nachhinein wieder. Momentan habe ich bei jedem Porträt das Gefühl, das sei ich.
Die Orange zum Beispiel (Anne-Lise zeigt auf ein angefangenes Stilleben), das bin auch ich. Paul Éluard hat geschrieben Bleu comme une orange, ich habe ein Autoportrait à l’orange gemalt, mit einem blauen Flecken darunter, fast so, als ob die Orange sich in die Hose macht...
Es gibt ein starkes Moment der Auflehnung in deiner Kunst, ein verbaler und visueller Aufstand gegen politische und gesellschaftliche Missstände, wie etwa gegen Multikonzerne oder Umweltverschmutzung...
Umweltverschmutzung? Nicht eher dem Ende der Welt?...Wir haben hier das Glück in einem friedlichen Land zu leben; du hast Recht, vielleicht habe ich ein bisschen was von Camus oder Sartre, l’artiste engagé, ja, ich denke, als KünstlerIn hat man eine sehr grosse Verantwortung.
Erhälst du denn jemals direkte Reaktionen auf deine Arbeit?
Ja, des Öfteren. Ich behandle Themen, welche die Leute ansprechen. Eine Weile habe ich mich beispielsweise sehr mit Berlusconi beschäftigt, und da gab es Leute, die mir ausgeschnittene Fotografien schenkten. Auch als ich mich mit Erdölkonzernen beschäftigte, haben die Leute auf meine Werke reagiert. Sie kommen auf mich zu und sagen mir, es sei gut, dass ich zu ihnen reden würde. Da beginnt mich Kunst auch wirklich zu interessieren, Kunst als Möglichkeit sich direkt mit dem Betrachter in Verbindung zu setzen, mit ihm in einen Dialog zu treten.
Als ich im Kunsthaus Glarus war (loin, loin, loin, 2005), haben mich die mit Worten voll gesprühten Wände überwältigt, diese Wucht an Worten. Interessant war auch, wie ich zuerst versuchte alles genau zu lesen, mich dann aber darauf beschränkte, die Worte als Bilder zu betrachten.
Mir gefällt diese Idee, zwischen Form und Inhalt hin- und herzuwechseln. Ich will die Leute ja auch nicht langweilen. Und es stimmt, dass man das vor Allem bei den Airbrush-Arbeiten auf der Wand sieht. Je nachdem, was man will, kann man nahe herangehen oder sie von weitem betrachten. Ich mag es, wenn der Betrachter sich frei im Raum bewegen kann.
Neben der Form spielt auch die Farbe eine wichtige Rolle in deinen Werken. Du arbeitest oft mit Blau, Weiss , Rot, den Farben deiner Heimat Frankreich. Was bedeutet dir denn Heimat eigentlich?
Zuerst einmal mache ich mir überhaupt nichts aus dem Begriff Heimat. Ich kann mit diesem Wort nichts anfangen, denn ich kann ja nichts dafür, dass ich in Frankreich geboren wurde. Ich benutze diesen Code - die Farben Blau, Weiss, Rot - gerade weil sie so offensichtlich sind. Sofort scheint meine Malerei französisch zu sein...Weißt du, ich will eine Welt ohne Grenzen. Nicht, dass ich für Uniformität plädiere, nein, ich will damit nur sagen, es gibt zwar den zufälligen Ort der Geburt, aber man darf gehen, wohin man will. Für mich sind Themen wie Migration oder Rassismus unerträglich. Ich sehe keinerlei Interesse in ideologischen Konstrukten wie Heimat, ausser demjenigen, dass man Menschen voneinander abgrenzen will.
Weißt du, dass ich der Weltwoche ein Statement geschickt habe? Ich wollte ihnen mitteilen, dass ich überhaupt nicht mit ihren konservativen Ansichten einverstanden bin. Claudia Spinelli hatte ich vorher informiert (Autorin eines Porträts über Annelise Coste in der Weltwoche). Es war mir einfach wichtig Klarheit zu schaffen. Ich habe geschrieben Oui à la paix, oui à l’empathie, oui à la générosité! Non à la hiérarchisation des êtres, non à la craînte des autres, non...ich hoffe wirklich, dass sie diesen Brief abdrucken werden.
Um nochmals auf deine Frage des Antriebs zu kommen, der Energie. Es gab einen Literaturprofessor in Frankreich, der seinen Studenten erzählte, man könne alle Bücher in einem Satz zusammenfassen. Einer der Studenten antwortete ihm La Recherche du Temps perdu. Der Professor aber sagte, Le petit Marcel qui veut devenir un ecrivain. Und das ist es tatsächlich: der kleine Marcel, der Schriftsteller werden will. Ich habe meine Freunde gefragt, ob man dasselbe auch mit seinem Leben machen könne. Ich habe es versucht: Einen täglichen Kampf zu führen gegen die Determinanten, die mich bestimmen, also zu sagen: Ich, Annelise Coste, 1973 in einem Vorort von Marseille geboren, etc. etc....ich denke, dass mein Antrieb gerade darin besteht, immer wieder zu versuchen mich von Allem zu befreien, was mir auf der Haut klebt, mich gegen Aussen definiert.
Hier steht zum Beispiel I don’t care anymore (Annelise zeigt auf die Leinwand mit dem angefangenen Stilleben), aber du weißt genauso wie ich, dass das überhaupt nicht stimmt. Das ist für die Ewigkeit bestimmt, damit die Leute später denken werden, Annelise Coste war sehr unbeschwert (Sie lacht laut). Es ist ein grosser Wunsch von mir, mich von allen Verpflichtungen lösen zu können, mich zu befreien.
Es bleibt also immer die Hoffnung?
Ja, ja...Weißt du, ich habe wegen Miró angefangen Kunst zu machen. Wir waren auf Klassenfahrt und haben uns eine Ausstellung angeschaut und da war auf einmal dieses kleine Stück Papier, allein dieses Stück Papier, wo man doch denkt, dass die Kunst nur auf der Leinwand zu finden sei. Es gab einen blauen Fleck und darauf hatte Miró auf Spanisch geschrieben: Azul es el color de mir sueño. Der Kerl hat auch noch auf die Kunst geschrieben, er hat es sich erlaubt zu schreiben! Ich stand mit offenem Mund davor.
In dem Stilleben habe ich wieder auf Mirós blauen Fleck verwiesen...